Daweli Reinhardt: Abschied von einem großen Musiker

Daweli Reinhardt: Abschied von einem großen Musiker

 

Aus Rhein Zeitung

aktualisiert: 14.12.2016, 17:58 Uhr

Der Koblenzer Gitarrist war einer der Musiker, die dem Sinti-Jazz in Deutschland zu Berühmtheit verhalfen. Jetzt ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

Die Musik war sein Leben. Unser Archivbild zeigt Daweli Reinhardt im Kreise einiger seiner Enkel. Foto: Rhein-Zeitung Archiv

Die Musik war sein Leben. Unser Archivbild zeigt Daweli Reinhardt im Kreise einiger seiner Enkel.
Foto: Rhein-Zeitung Archiv
 

Von unserem Mitarbeiter Michael Schaust

“Ich habe mich von Anfang an vom feinfühligen Spiel Dawelis, das Geschichten erzählen kann, beflügeln lassen, obwohl ich gern mit Power in die Saiten greife und Tempo durchhalten kann. Und mein Vater Bawo erklärte mir: ,Schau auf die Finger vom Onkel.'” So bewundernd äußerte sich Gitarrist und Komponist Lulo Reinhardt 2013 in einem Interview mit unserer Zeitung über seinen Onkel Alfons “Daweli” Reinhardt. Der Gypsy-Jazz-Gitarrist beeinflusste neben Lulo Reinhardt viele seiner Nachkommen. Jetzt ist er im im Alter von 84 Jahren gestorben.

Große Trauer herrscht nicht nur in der großen Koblenzer Sinti-Familie über den Verlust ihres Oberhauptes. Auch Freunde anspruchsvoller Gipsy-Musik sind betrübt über den Verlust des Mitbegründers des berühmten Quintetts von Schnuckenack Reinhardt (1967), der als “Mann mit den goldenen Fingern” den Swing-Jazz des berühmten Django Reinhardt (1910-1953) weiter lebendig hielt.

Der 1932 in Wiesbaden geborene Daweli wächst in Koblenz-Lützel auf und wird in der Nazizeit mit seiner Familie Opfer der Rassenideologie. 1943 kommt er mit ihnen in das KZ Auschwitz-Birkenau. Der Elfjährige entwickelt Mut und Pfiffigkeit aus dem Willen, “sich niemals unterkriegen zu lassen”, wie er später stets sagte.

Er organisiert Essen aus der Küche, besorgt Milch für die Kinder. Wendig wie er ist, wird er “Lagerläufer”, der sich fast überall Zutritt verschafft. Nur einmal erwischen ihn die Schergen. Die Prügel dafür steckt er ebenso weg wie Entwürdigungen. Zum Gefallen der SS-Leute spielt er sogar Gitarre, singt und tanzt für sie.

Er überlebt die Lager, übersteht auch die Todesmärsche kurz vor Kriegsende. Nach 1945 arbeitet er als Artist, Schrottsammler und gefürchteter wie respektierter Rausschmeißer, um eine Familie zu ernähren, sowie als Gitarrist. Ablehnung, die ihm als “Zigeuner” nicht nur in den braunen Zeiten widerfährt, weiß er mit Schläue, notwendiger Härte, politischem Engagement und Offenheit zu kontern und im besten Falle zu entschärfen. Und vor allem gelingt ihm das mit der Musik der Sinti. Den Sinti-Jazz macht er vor allem auch beim deutschen Publikum publik, als er Ende der 60er-Jahre das Schnuckenack-Reinhardt-Quintett mitbegründet.

Und Daweli prägt seine Nachkommen: Ob Moro, Mike, Sascha, Bawo oder Django, seine Söhne haben die Bodenständigkeit vom Papa geerbt, ebenso wie das Talent. Moro lernt klassische Gitarre, Mike ist ein aufs Tempo drückender, stürmischer Swing-Experte. Wie talentiert der Junge sich schon als Zehnjähriger zeigt, als er auf großen Bühnen Europas mit dem Vater unterwegs ist, fällt damals Max Greger bei einem Auftritt mit der Schnuckenack-Truppe schon auf. Zwei Jahre später darf Mike in dessen großen Orchester drei Solostücke vorführen. Und Dawelis Sohn Django entdeckt früh seine Liebe zum Gesang, zu Elvis und zum Rock ‘n’ Roll. Daweli Reinhardt, der auch Akkordeon und Zither spielt, fördert dies, selbst hat er keine Berührungsängste gegenüber anderen Kulturen.

Und nur mithilfe seiner Musik und seiner Familie kann der Sinto vergessen und verzeihen. Daweli Reinhardt liegt die Musik im Blut. “Das habe ich von meinem Vater geerbt”, sagt er anlässlich der Premiere des bewegenden Films im Apollo-Kino “Daweli Swing” von Albert Treber im Mai 2009, der das mutige (Musiker-)Leben des Koblenzer Sinto zum Thema hat. Im selben Jahr erhält der “Brückenbauer” für seine Lebensleistung, die “nicht nur in seinem Wirken als Musiker begründet ist, sondern auch in seiner Fähigkeit, die Musikalität an die jüngeren Generationen weiterzugeben”, den rheinland-pfälzischen Verdienstorden. 2003 ist im Koblenzer Fölbach-Verlag seine Autobiografie “Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben” von Autor Joachim Hennig erschienen

Die große Anteilnahme gilt seiner Familie, die ihren Mittelpunkt verloren hat. Sie dankt ihm für seine unendliche Liebe, wie es auf der Facebook-Seite des großen Musikers heißt.

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